Der Funke des Widerstands bei der iranischen Bevölkerung


Seit der Niederschlagung der Massendemonstrationen der Grünen Bewegung des letzten Jahres mit brutalen Polizeieinsätzen, Verhaftungen, Folterungen, Schauprozessen und Hinrichtungen sind die Menschen im Iran nicht mehr auf die Strasse gekommen. Die Unzufriedenheit der Menschen mit den Unterdrückungsverhältnissen ist jedoch geblieben.

Sie äußerte sich immer wieder so, dass PassantInnen, die eine Festnahme auf der Straße, in Bussen, in U-Bahnen, vor Fabriken, etc. mitbekamen, sofort eingriffen, versuchten, die betroffene Person zu befreien und sich sogleich wieder zerstreuten, bevor die Polizei mit Verstärkung eintreffen konnte. Die Staatsmacht zog es daher vor, Menschen eher nicht in der Öffentlichkeit und zu Zeiten am frühen Morgen oder spät in der Nacht zu verhaften, wenn noch nicht so viele Menschen unterwegs sind. Bei der Durchsetzung der Kleidervorschriften für Frauen war zu beobachten, dass die Polizei auch bei offensichtlich leger getragenen Hijabs lieber schon mal wegschaute, als eine Eskalation auf der Straße zu riskieren.

Jeder Polizist muss heute bei Übergriffen in der Öffentlichkeit damit rechnen, beobachtet und mit Fotos oder Videos abgelichtet zu werden. Nicht selten werden solche Fotos oder Videos wenige Tage später im Internet verbreitet. Diese Beweismittel sollen dazu dienen, die Täter zu identifizieren und herauszufinden, wo sie leben und arbeiten.

Diese Form von Zivilcourage galt bislang eher für Großstädte wie Teheran, zunehmend ist sie aber auch in kleineren Städten zu sehen, wie das folgende Beispiel vom 29.10.2010 in Urumiye zeigt. An diesem Tag versuchte die Sittenpolizei eine junge Frau wegen unislamischer Kleidung festzunehmen. Sie trug den Hijab nicht wie vorgeschrieben so, dass die Haare verdeckt sind; ausserdem hatte sie eine eng geschnittene Hose an, die den Blick auf ihre Knöchel erlaubte.

Diese Fotos zeigen Ausschnitte eines Videos, das die die Festnahme und die Reaktion der PassantInnen dokumentiert.

Hier ist zu sehen, wie ein Polizist in Uniform, eine Sicherheitskraft in Zivil und eine in einenTschador gehüllte Polizistin versuchen, die „unislamisch“ gekleidete junge Frau in das bereitstehende Polizeifahrzeug zu zerren. Die Frau wehrt sich heftig.

Es gelang offenbar nicht, sie in das Auto hineinzuzwingen. Beinahe hat die Frau schon den Bürgersteig erreicht. Während die Polizistin sie weiter festhält, versuchen die beiden Männer ihr den Weg abzuschneiden, ohne sie zu berühren. Der Polizist brüllt die Frau an, um sie einzuschüchtern.

Der zivil gekleidete Polizist rennt zurück zum Auto, öffnet den Kofferraum und holt einen Schlagstock heraus.

Kurz darauf setzt er den Schlagstock gegen die Frau ein, die ihrerseits versucht, dem Schlag auszuweichen.

Innerhalb weniger Sekunden versammeln sich dutzende PassantInnen um diese Szene.


Die Autos, denen der Weg versperrt ist, hupen.

Die junge Frau konnte sich auf den Bürgersteig retten, wo sie sich inmitten einer Traube von PassantInnen sicherer fühlen kann. Die Sittenpolizei hat bereits von ihr abgelassen, weil sie die Reaktion der Umstehenden fürchtet.

Die Frau ist so selbstbewusst, dass sie, anstatt zu flüchten, der Sittenpolizei wieder zuzuwendet und ihr wütend und mit lauter Stimme zuruft : „Warum haben Sie das gemacht? Warum?“

Die Frau wendet sich um und verlässt mit energischem Schritt wie eine Siegerin die Szene. Sie ruft noch: „Sie haben unsere Nation unglücklich gemacht!“

Von Ali Schirasi

  

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