Iran-Beobachter der USA


Als Ahmadinedschad abgewatscht wurde

 

In keinem Land des Nahen Ostens waren Amerikas Diplomaten je so gut vernetzt wie in Iran, doch in keinem Land lagen sie so weit daneben: Die Revolution von 1979 nicht vorhergesehen, ja nicht einmal für möglich gehalten zu haben ist eine der größten Fehleinschätzungen amerikanischer Außenpolitik. Sie wirkt – und schmerzt – bis heute.

Bernhard Zand

Das sollte Amerika nicht noch einmal passieren, verkündete die damalige Außenministerin Condoleezza Rice Anfang 2006, vier Jahre nachdem eine Exilgruppe das wahre Ausmaß des iranischen Nuklearprogramms enthüllt hatte. Die „iranische Herausforderung“ habe höchsten Vorrang, so Rice, aber die langen Jahre seit der Stürmung der amerikanischen Botschaft in Teheran hätten die Expertise ihrer Behörde empfindlich „erodiert“. Also etablierte das Außenministerium eine Reihe von „Beobachterposten“ rund um Iran.

 

An den US-Botschaften von Baku, Aschgabad, Bagdad und London sowie den Konsulaten in Dubai und Istanbul kümmert sich seither ein Spezialistenteam von „Iran Watchers“ um die Islamische Republik. Die Experten reden mit Oppositionellen und ehemaligen Regimetreuen, mit schiitischen Geistlichen und Lastwagenfahrern, mit Studenten und frustrierten Basarhändlern.Was haben sie herausgefunden? Weiß Amerika, was im notorisch schwer zu verstehenden Iran vor sich geht? Eine elektrisierende Meldung kommt im Februar 2010 aus der US-Botschaft Baku: Auf einer Sitzung des iranischen Sicherheitsrats, so eine Quelle, die „in der Vergangenheit zuverlässig über heikle politische Themen berichtet hat“, habe Präsident Mahmud Ahmadinedschad seine Kollegen überrascht: Das Volk fühle sich „erstickt“ – eine Anspielung auf die Repressionen nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl im Juni 2009. Er schlage deshalb vor, mehr Pressefreiheit zuzulassen. „Sie haben unrecht“, habe der Stabschef der Revolutionswächter Ahmadinedschad daraufhin angeblafft: „Sie haben uns doch diese Suppe eingebrockt! Und jetzt sagen Sie, gebt der Presse mehr Freiheit?“ Dann habe der Stabschef dem Präsidenten ins Gesicht geschlagen, behauptet der Informant. Dass die Sitzung abrupt abgebrochen wurde, so die Quelle der Amerikaner, hätten auch einige iranische Blogs gemeldet, nicht aber den Grund dafür: die angebliche Ohrfeige. Für intime Details aus den inneren Machtzirkeln interessieren sich die Iran-Beobachter naturgemäß besonders. Der religiöse Führer Ali Chamenei, heißt es in einem Bericht, sei depressiv und nehme Morphine („nicht Opium“) ein. Nein, heißt es in einem anderen, Chamenei sei gesund und treibe regelmäßig Sport, das wisse die Quelle von einem, der mit Ali Chomeini, dem Enkel des Revolutionsführers, sprach. Dessen Nachfolger Chamenei sei aber nicht so mächtig wie behauptet, habe nur „begrenzten politischen Spielraum“ und sei „vor allem darauf aus, seine und die Zukunft seines Sohnes Modschtaba zu schützen“, steht in einem dritten Bericht.Mit Raffinesse geht das Regime in Teheran seinen Interessen nach. Im Inneren etwa lässt es die Kurden ungestört Schmuggel treiben, um sie ruhigzuhalten. Zudem nutzt es das undurchsichtige Milieu rund um Irans Kampfsport-Clubs, um schmutzige Aufträge, auch Morde an Regimekritikern, erledigen zu lassen. In den Nachbarstaaten unterhält es ganze Netzwerke von „Geldwäschern und Sanktionsbrechern“, die das Vermögen der Revolutionswächter mehren. Allein elf dieser Männer listet die US-Botschaft in Baku auf.Skeptisch dagegen schätzen selbst oppositionelle Quellen die führenden Oppositionsfiguren ein:

  • Der gegen Ahmadinedschad unterlegene Präsidentschaftskandidat Hossein Mussawi sei „stur, aber nicht charismatisch“,
  • der Reformer Mahdi Karrubi „mutig“, aber in den Institutionen des Gottesstaates nicht hinreichend vernetzt,
  • der ehemalige Präsident Mohammed Chatami „vorsichtig und schwach“.
  • Ex-Präsident und Ahmadinedschad-Gegner Ali Akbar Haschemi Rafsandschani sei ein Taktiker, aber es fehle ihm an „Rückhalt“. Immerhin sei er ein meisterhafter Geldbeschaffer für die Opposition.
 Beide Lager in Iran, Konservative und Reformer, appellierten übrigens regelmäßig an den im irakischen Nadschaf residierenden Großajatollah (und gebürtigen Iraner) Ali Sistani, eine höchst angesehene Autorität der Schiiten. Der aber denke gar nicht daran, einer der beiden Seiten zu Hilfe zu kommen. Er halte die Lage nach der Wahl in Iran schlicht für „sehr traurig“.Ausdrücklich lässt US-Außenministerin Hillary Clinton im Sommer 2009 den Beobachtungsposten in der turkmenischen Hauptstadt Aschgabad für seine „extrem hilfreichen“ Berichte zur Präsidentenwahl loben. Die „Iran-Watcher“ dort vermittelten den Direktoren im 7. Stock des Washingtoner State Department „wichtige Einsichten darüber, wie die Iraner der Arbeiterklasse“ über die Wahl dächten.Deren Sicht unterscheidet sich mitunter deutlich von jener der westlich orientierten Elite. Ein Mann aus Maschhad sagt dem „Iran-Watcher“ an der turkmenischen Grenze: „Manche Leute können vielleicht einzelne Führer oder Geistliche nicht leiden. Aber im Großen und Ganzen wollen sie schon eine islamische Regierungsform.“Sein Vater, berichtet ein Student der Grünen-Bewegung, habe ihn zwar mit Schmiergeld aus Polizeigewahrsam freigekauft. Als er nach Hause kam, habe er ihm aber gesagt: „Ich kann mir deine Revolution nicht leisten.““Dummer, brutaler Sunniten-Hasser“ an der Macht in BelutschistanAuch sei es nicht so, dass alle Minderheiten des Vielvölkerstaats Iran gegen das Regime aufbegehrten. Das Volk der Kaschgai etwa, früher ein „Alptraum“ für jede persische Obrigkeit, hege keinerlei separatistische Absichten mehr, sondern sei mit dem Regime zufrieden. Die Quellen geben an, „dass die meisten Kaschgai wahrscheinlich für Ahmadinedschad gestimmt haben, aus Dankbarkeit für das verbesserte Gesundheits- und Bildungswesen“. Einen Kaschgai-Händler zitieren die „Iran-Watcher“ mit den Worten: „Wir sind zwar keine Perser, aber wir sind Iraner.“Dramatisch wird dagegen die Situation im sunnitischen Belutschistan geschildert, der Grenzprovinz zu Pakistan. Eine Quelle aus dem Transportministerium in Teheran meldet, im Südosten habe der Staat die Kontrolle verloren: „Viele Wach- und Polizeiposten in Sistan-Belutschistan sind wegen der Anschlagsgefahr nachts gar nicht mehr besetzt.“Ein Grund für die prekäre Lage: die „arrogante“ sunnitenfeindliche Politik des schiitischen Regimes in Teheran. Ahmadinedschad habe ausgerechnet seinen Verbündeten Habibullah Dehmorda dort als Gouverneur eingesetzt, einen „dummen, brutalen Sunniten-Hasser“, wie ein Geschäftsmann aus der Region berichtet. Inzwischen sei er abgelöst.Der zweite Grund – und eines der zentralen Themen der „Iran-Watcher“ – ist der Drogenhandel: Teheran ist mit der aus Afghanistan und Pakistan herüberschwappenden Masse von Drogen hoffnungslos überfordert. Die konfiszierten Mengen sind von 2005 bis 2010 um ein Vielfaches gestiegen – und doch war das allenfalls ein Bruchteil der tatsächlich geschmuggelten und konsumierten Drogen. 50.000 Iraner seien bei den „Anonymen Narkotikern“, 150.000 in einem Methadon-Programm, auch sie nur ein Bruchteil aller Abhängigen, so die Meldungen der US-Diplomaten.

 

„Ihr könnt nicht bleiben und nicht gehen“

Selbst aus Irans Innenministerium werden ausgerechnet die Amerikaner über Mittelsmänner aufgefordert, in diesem Punkt doch bitte mit Iran zusammenzuarbeiten. Wegen der massiven Flüchtlings- und Drogenprobleme, die Afghanistan beiden Staaten bereite, sei die Zeit „reif“ dafür, die Feindschaft mal beiseite zu lassen. Im Übrigen könne eine solche Kooperation dem verheerenden Eindruck entgegenwirken, Amerikas Verhalten in der Region sei „inhuman“. Irans ehemaliger Uno-Botschafter Dschawad Sarif habe sogar massiv für eine solche Zusammenarbeit mit den Amerikanern geworben.

 Ein bemerkenswertes Geschäft bietet der Berater von zwei hochrangigen Regimeführern auch der US-Botschaft in London an. Immer wieder kommt er auf den „Wunsch nach einem konstruktiven und kooperativen Verhältnis zu den USA zurück“, vor allem in Afghanistan und im Irak. In beiden Ländern habe Iran erheblichen Einfluss. Teheran betrachte die schiitischen Milizen im Irak als „unsere Alliierten, die wir gegen Saddam erschaffen haben“.

Der Berater, so die US-Depeschen, gebe offen zu, dass Iran Angriffe dieser Milizen auf britische Truppen im Südirak angeordnet habe. Und Amerika werde am Ende gar keine andere Wahl haben, als mit Iran zusammen die Drogenhändler zu bekämpfen, sonst werde es noch unangenehmer. Zu tief hätten sich die USA im Irak verstrickt: „Ihr könnt nicht bleiben und nicht gehen … Eure Streitkräfte dort und in der ganzen Region sind unser Ziel.“

Quelle

One Response to Iran-Beobachter der USA

  1. jackdaw sagt:

    Das die Machteliten im Iran nicht zusammenhalten verwundert mich nicht. Sie alle sind durch Machtmißbrauch (könnte ihnen ja auch passieren!), Korruption und das leben in einer Parallelwelt geschwächt. Einig sind sie sich nur an der Macht zu bleiben und nur so zu überleben.
    Diese Situationen kann mann gut mit den Ostblockstaaten in den 80ern vergleichen. Polen wg. der Aufstände und Mißwirtschaft, sowie der Ablehnung in der Bevölkerung, protegiert wurden nur Teile oder besser es wurde versucht. Rumänien wg. den sehr brutalen Vergehen des Geheimapparates, aber auch eines Apparates der ‚hohl‘ war. An Rumänien sieht man, daß die Apparatschiks sofort die Seiten gewechselt haben und die Bewegung bis heute unterwandert haben.
    Der Mullah-Iran frißt sich von innen auf, weil keine menschliche Grundlagen den Staat leiten – auf den Zeitpunkt kommt es an!

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