Iran: Ehekrise im Gottesstaat


Die Iranerinnen sind mutiger geworden. Sie lassen sich scheiden, auch wenn sie jahrelang dafür kämpfen müssen. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Ehescheidungen im Iran verdreifacht. Etwa jede vierte Ehe in der Hauptstadt Teheran endet mit einer Scheidung.

Vor etwa 1400 Jahren heiratet der Imam Ali, die meistverehrte Figur im schiitischen Islam, Fatemeh al-Zahra, Tochter des Propheten Mohammed. Noch heute hat das Datum dieser Hochzeit in dem brechend vollen politischen Kalender des Iran einen festen Platz als „Tag der Ehe“, an dem Familienwerte gefeiert werden. Doch die iranische Obrigkeit, offenbar zunehmend besorgt über die sich verändernde soziale Landschaft, benannte den Feiertag in diesem Jahr um in „Tag gegen Ehescheidungen“, und der Justizminister verbot zeitweilig die Ausgabe von Scheidungsgenehmigungen.

Es ist fraglich, ob das etwas bewirkt hat, aber die Sorge in den Ministerien ist begründet. Die Zahl der geschiedenen Ehen im Iran explodiert. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre hat sie sich nach offiziellen Angaben verdreifacht, von etwa 50 000 im Jahr 2000 auf gut 150 000 in diesem Jahr. Im Landesdurchschnitt kommt eine Scheidung auf sieben Eheschließungen. In der Hauptstadt Teheran liegt das Verhältnis sogar bei eins zu 3,76.

Noch bemerkenswerter ist die Kraft, die hinter dieser Entwicklung steht: Die wachsende Bereitschaft iranischer Frauen, das iranische Rechtssystem zu nutzen, um ungewollten Ehen zu entkommen. Die Zahlen sind im Vergleich zu westlichen Ländern moderat. Aber für den Iran mit seiner konservativen islamischen Kultur, die Scheidungen strikt ablehnt, ist der Trend auffällig. Im vergangenen iranischen Kalenderjahr, das im März endete, stieg die Zahl der Scheidungen im Vergleich zum Vorjahr um 16 Prozent. Die Zahl der Heiraten stieg im selben Zeitraum nur um ein Prozent. „Im Mai verzeichnete das Einwohnermeldeamt, für das ich arbeite, 70 Scheidungen und nur drei Heiraten“, sagt ein Anwalt, der seinen Namen nicht nennen möchte. „Im nächsten Monat erzählte mir ein Freund, der in einem anderen Amt arbeitet, er habe 60 Scheidungen und eine Heirat gehabt.“ Beide Ämter lägen im Zentrum Teherans, betont er, nicht im reichen Norden, der als liberaler gilt.

Die Ehen scheitern auch schneller als ehedem. So liegt der Anteil der im ersten Jahr getrennten Ehen bei etwa 30 Prozent, der Anteil innerhalb von fünf Jahren bei 50 Prozent.

Konservative Beobachter sprechen von einem gesellschaftlichen Problem auf einer Stufe mit Drogenabhängigkeit und Prostitution. Aus den Ministerien und dem Parlament sind Bezeichnungen wie „Krise“ und „nationale Bedrohung“ zu hören. Die Erklärungen für die steigende Scheidungsrate sind sehr unterschiedlich. In liberaleren Kreisen werden Faktoren wie die Urbanisierung, hohe Lebenshaltungskosten und die hohe Arbeitslosigkeit genannt. Die wachsende Gottlosigkeit der Jungen sei schuld und die zersetzende Wirkung westlicher Medien, meinen hingegen Religiöse. „Junge Leute haben wegen der hohen Mitgift, hoher Preise und finanzieller Unterstützung Angst vor dem Heiraten“, sagte der Parlamentsabgeordnete Gholamreza Asadollahi. Er wirft jungen Leuten vor, sie hätten ihren Glauben „in die unsichtbare Macht Gottes, die Probleme des Lebens zu lösen“, verloren.

Aber die meisten Experten sind sich einig, dass kein Faktor so zu dieser Entwicklung beigetragen hat wie ein tiefgreifendes Erwachen unter iranischen Frauen. Zwanzig Prozent der iranischen Frauen sind offiziellen Angaben zufolge entweder angestellt oder suchen aktiv nach einem Job, verglichen mit sieben Prozent im ersten Jahr nach der Islamischen Revolution 1979. In den iranischen Universitäten ist das Verhältnis im Grundstudium von Frauen zu Männern beinahe zwei zu eins.

„Diese ökonomische Freiheit hat Auswirkungen auf das Verhalten der Frauen daheim“, sagt der Soziologe Said Madani. „Früher musste eine Frau hungern, wenn sie ihr Heim verließ; heute hat sie Chancen auf einen Job.“ Aber es geht nicht nur ums Geld, sagen andere. „Frauen haben den Mut gefunden, mit Traditionen zu brechen und Nein zu sagen zur Vergangenheit“, sagt der Psychiater Azardokht Mofidi. „Sie sind nicht länger bereit, sich mit den Härten ihrer Ehe abzufinden, und ihre Erwartungen sind derart gestiegen, dass Gleichberechtigung in einer Partnerschaft dazugehört.“

Nazanin, fast 50 Jahre alt und zweimal geschieden, hat diese Veränderungen selbst erfahren. Mit 18 heiratete sie, während der politisch turbulenten Jahre der Islamischen Revolution und des Iran-Irak-Kriegs. Zwei Jahre später ließ sie sich scheiden. Damals galt noch das alte persische Sprichwort, wonach eine Frau das Haus ihres Mannes im Weiß des Hochzeitskleides betritt und erst im Weiß des Leichenhemdes wieder verlässt. „Jahrelang habe ich das verdrängt“, sagt Nazanin in ihrer kargen Wohnung, in der sie mit ihrem erwachsenen Sohn lebt. Entspannt hat sie ihr Kopftuch abgelegt. „Eine Zeit lang hat meine Familie den Nachbarn irgendwelche Geschichten und Lügen erzählt, dass mein Mann zum Arbeiten ins Ausland gegangen ist“, erzählt Nazanin. „Weil ich noch jung war, trug ich auf der Arbeit weiter meinen Ehering und erzählte niemandem etwas.“

Als sie sich vor 14 Jahren von ihrem zweiten Mann trennte, war ihre Familie wieder geschockt. Seither habe sich vieles verändert. „Inzwischen ist es völlig normal, dass sich die Gesellschaft neutral verhält“, sagt Nazanin. „Unsere Generation hat ihre Empfindlichkeit beim Thema Scheidung verloren. Es ist so normal, dass man es in seiner eigenen Familie sehen kann.“ Trotz alledem will Nazanin nur ihren Vornamen nennen und sich nicht fotografieren lassen, aus Angst vor Repressalien der Behörden.

Das Scheiden bleibt schwer. Laut Gesetz dürfen Männer ihre Ehe unkompliziert ohne Begründung beenden, während Frauen sich in einem Prozess rechtfertigen müssen, der mehrere Jahre dauern kann. Angesichts dieser Ungleichheiten setzten immer mehr Iranerinnen den Hebel bei ihrem Recht auf die „Mahr“, die einmalige Zahlung zu Beginn der Ehe, eine Art Eheversicherung, an. Die Männer sind im Falle einer Scheidung verpflichtet, ihren Frauen das Geld auszuzahlen. Der Verzicht darauf erleichtert mancher Frau die Scheidung. In den vergangenen Jahren sind die Mahrs auf zum Teil mehrere Zehntausend Euro gestiegen. Einige Konservative haben deshalb vorgeschlagen, die Summen zu begrenzen, um so die Scheidungsrate zu senken. Kleriker und Regierungsmitarbeiter wollen eine symbolische Mahr einführen, zum Beispiel ein paar Goldmünzen oder einen Koran.

Ob solche Maßnahmen die Scheidungswelle bremsen können, ist fraglich. „Zuerst hatte ich Angst davor, wie mich die Gesellschaft nach der Scheidung behandeln würde“, sagt Sara, eine 33-jährige Näherin. „Aber nach all der Unterstützung, die ich von Freunden, meinem Vater, meinem Onkel und meinen Tanten erhalten habe, und von allen, die ich um Rat gebeten habe, dachte ich ‚Nein, die Zeit, wo die Menschen Vorurteile hatten, ist vorbei.‘ Niemand hat mich jemals verurteilt.“

Quelle

One Response to Iran: Ehekrise im Gottesstaat

  1. Mark sagt:

    Vielen Dank! Eine wertvolle Info-Sammlung. Hilft mir echt weiter😉

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