Gratulation an die Tunesier. Ich bin stolz auf euch. Ihr habt das gemacht, wovon der Rest der Araber träumt


Ihr Iraner könnt es auch schaffen …………

 

Karim-El-Gawhary

 

Ich arbeite seit 20 Jahren als Korrespondent in der arabischen Welt. Dass ich das jetzt endlich erleben durfte, wie ein Regime abserviert wird, wie die Menschen einen Polizeistaat einfach ignorieren, die letzten verzweifelten Versuche der Polizei mit einer Barrage aus Tränengas vor dem Innenministerium die Kontrolle zu behalten. Die Bilder der Demonstrationen vor dem Innenministerium in Tunis und dann die Nachricht, dass Ben Ali das Land verlassen hat: ich war gestern mehrmals den Freudentränen nahe.

Auf dem folgenden Video sieht man in der Dunkelheit fast nichts, aber es ist trotzdem sehr beeindruckend und unglaublich emotional.  Ein nur schemenhaft zu sehender Mann geht trotz Ausgangssperre auf die Straße und ruft: Wir sind frei, es lebe das freie tunesische Volk, Tunesien ist frei, ihr seid ein großartiges Volk. Die Frau hinter der Kamera beginnt zu weinen und zu schluchzen. Am Ende kommen dann von den Balkons die Freudentriller.

Die Tunesier können mit Recht stolz auf sich sein. Sie haben das gemacht, wovon der Rest der Arabischen Welt träumt.

Und ihr habt das ganz ohne amerikanische und europäische Hilfe getan, wo man wochenlang zu eurem Aufstand beschämend geschwiegen hat. Die ganze Doppelbödigkeit der dortigen Politik kam wieder klar zum Vorschein. Wie kann man einen Diktator und seinen Polizeistaat kritisieren, der doch ihr Mann war, im Kampf gegen Terror und in der Sicherung beschaulicher Urlaubsgebiete. Jahrelang haben sie geschwiegen. Ben Ali losgeworden zu sein, das habt ihr ganz alleine geschafft und das gibt euch die Glaubwürdigkeit, die Bush und Co. im Irak mit dem Sturz Saddam nie bekommen konnten.  Zusammen mit meinen Freunden, habe ich  gestern Abend in Kairo die Gläser auf euch erhoben.

Um eure Stimmung einzufangen, hier ein gestriges Posting von Mondegreen, einer tunesischen Leserin dieses Blogs. Noch vor zehn Tagen hatte sie Angst auf diesem Blog zu posten, schrieb sie.  Angst, dass sie sich als Ben Ali Kritikerin outet, Angst, wenn sie das nächste Mal nach Tunesien reist, Angst um ihre dortige Familie. Sie hat trotzdem regelmäßgi diesen Blog kommentiert.  Sie hat wie alle Tunesier ihre Angst einfach abgestreift.  Und jetzt lest ihre folgenden Zeilen. Für mich ist das ein Volk, das sich gestern seine Würde wieder zurückgeholt hat.

„Also zuerst: Ich bin so unglaublich Stolz auf die Tunesier. Sie haben sich nicht einschüchtern, nicht beirren und nicht blenden lassen. Ihre Entschlossenheit, ihr Kampfgeist, ihr Freiheitsdrang hat den Unterdrücker in die Flucht geschlagen. Ben Ali hätte ohnehin absolut NICHTS von dem gehalten was er versprochen hat. Kurz nach seiner Rede wurde (wie ja in dem Video zu sehen ist) mit scharfer Munition geschossen. Am Tag danach (sprich heute) war das Brot wieder teurer. Er war/ist ein Blender, ein Lügner, ein Mörder.

Ich hatte früher (schon bevor die Aufstände begonnen haben) auch diesen – unglaublich falschen – Gedanken: was ist wenn er weg ist? Was kommt danach? Vielleicht ist er wirklich das kleinste Übel von dem was uns treffen könnte und vielleicht bewahrt er uns vor schlimmerem.

Nein! Dieser Gedanke ist absolut FALSCH! Man hat ganz eindeutig und in beeindruckender Weise gesehen, wie sehr das tunesische Volk nach Freiheit und Demokratie verlangt. Sie schreit danach, im wahrsten Sinne des Wortes! Ich für meinen Teil kann es mir nicht vorstellen dass sie nach 23 Jahren der Unterdrückung so etwas nochmal über sich ergehen lassen würden. Denn ihnen ist bewusst wie ihr Leben unter islamistischer Führung aussehen würde.
Und genau so wie sie miteinander Demonstriert und Protestiert haben, werden sie auch gemeinsam das Land aufräumen.
Die Plünderer nutzen die Situation momentan aus, aber wenn die Tunesier einen Tyrann mitsamt seiner korrupten und raffgierigen Sippschaft in die Flucht schlägt, dann schaffen sie auch das!“

Und wie geht es weiter? Natürlich wird es nicht einfach, dieses jahrzehntelange Monopol von Ben Alis Regierungspartei über Nacht zu ersetzen. Muhammad Ghannouchi ist ein Funktionär des alten Regimes und die tunesischen Oppositionsparteien sind klein und in den Staatsgeschäften unerfahren. Ich bin gespannt, was da interimsmäßig zusammengezimmert wird.  Es ist ein Balanceakt die alte korrupte Machelite auszuschließen und den Verwaltungs- und Polizeiapparat am Laufen zu halten. Die Plünderungen der letzten Nacht sind für mich vor allem ein Beweis dafür, dass die tunesische Polizei,  wie alle anderen arabischen Polizeiapparate, vor allem zur Sicherung des Regimes trainiert wurde. Wenn das Regime nicht mehr da ist, können sie die Bürger nicht schützen.

Aber bei all den Schwierigkeiten, die auf euch zukommen; ich bin sicher ihr werdet das schaffen.

Und: ihr werdet nicht die letzten sein. Die Rezeptur aus Jugendarbeitslosigkeit, Armut, Korruption, hohen Lebensmittelpreisen und vor allem eines Präsidenten, Königs oder Emirs und deren Familien, die seit Jahrzenten das Land aussaugen, die wurde in vielen anderen arabischen Küchen angerührt. Es ist Zeit, sie wegzuschütten.

Das hat Symbolkraft

Quelle

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