Wann stürzt der nächste Präsident der arabischen Welt?


Proteste lassen Machthaber zittern

von Julia Gerlach

Tunesiens Präsident Ben Ali ist nicht der einzige Langzeitdiktator der Arabischen Welt. Auch seine Artgenossen in den Nachbarländern zittern vor der Macht der Straße. Der Region könnte eine Revolutionswelle drohen – jüngste Umfragen deuten darauf hin.

 

„Ben Ali, sag‘ Mubarak, dass auch für ihn ein Flugzeug bereitsteht!“ – mit einem solchen Spruchbanner versammelten sich einige Demonstranten vor der tunesischen Botschaft in Kairo. Sie bejubelten den Erfolg der Jugendprotestbewegung in Tunesien. Die Meldung, dass Zine El Abidine Ben Ali gestern Abend aus seinem Land geflohen und sich ins Exil nach Saudi-Arabien begeben hat, löste unter den Oppositionsbewegungen in der Arabischen Welt Stürme der Begeisterung aus.

 

Facebook, Twitter und Blogs überschlagen sich vor Freude. Allerdings mischen sich – wie sollte es anders sein – auch neidische Töne hinein: Mariam Al Sadek, eine Führende Persönlichkeit der sudanesischen Opposition sagte, dass sie sich über die Nachrichten aus Tunis freue, jedoch traurig sei, dass in ihrem Land nicht etwas ähnliches gelungen sei. Hossam Bahgat, ein Menschenrechtler aus Kairo, hingegen sieht dies hoffnungsvoller: „Ich habe den Eindruck, dass wir unserer eigenen Befreiung einen großen Schritt nähergekommen sind“, sagte er. Schließlich habe Tunesien noch vor einigen Tagen als der Inbegriff eines stabilen und unerschütterlichen Regimes gegolten.

 

Jugend geht auf die Straße

Tatsächlich gab es im vergangenen Jahr auch in vielen anderen Ländern bisher ungekannte Proteste junger Menschen gegen ihre alternden Regenten. Viele Sprechen von einer Jugendrevolution. Gemeint ist damit zunächst die demographische Entwicklung. In der arabischen Welt ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter 30 Jahre alt. Gemischt mit den schlechten Zukunftsaussichten vieler Jugendlicher und der Wirtschaftkrise könnte sich daraus aber auch schnell eine politische Revolutionsbewegung entwickeln.

In Ägypten gingen im vergangenen Jahr viele Jugendliche gegen die sogenannte „Vererbung“ auf die Straße. Sie wollen nicht, dass Präsident Mubarak von seinem Sohn Gamal im Amt beerbt wird. Der Hoffnungsträger dieser Bewegung heißt Mohammed el Baradei, der ehemalige Chef der Internationalen Atombehörde. Mit harter Repression hat die ägyptische Regierung die Bewegung bisher in ihre Schranken gewiesen.

 

Demos im konservativen Kuwait

Selbst im konservativen Kuwait – wo Demonstrationen eine Rarität sind – gab es im vergangenen Monat heftige Proteste. Es ging um die Verurteilung eines Journalisten zu drei Jahren Gefängnis. Ihm wurde vorgeworfen, den Premierminister beleidigt zu haben. Bei Protesten gegen diese Entscheidung ging die Polizei hart gegen die Demonstranten vor. Die Opposition im Parlament drohte daraufhin, dem Premier das Vertrauen zu entziehen. In Algerien und Jordanien gingen Jugendliche wegen Preiserhöhungen auf die Straße und sogar in Saudi-Arabien gab es Demonstrationen.

 

Für die Regierenden der arabischen Welt ist das Schicksal Tunesiens ein Horrorszenario. Nach einer Online-Befragung der unabhängigen Tageszeitung Masry al Yaum gehen 65 Prozent der Teilnehmer davon aus, dass andere Länder dem tunesischen Beispiel folgen werden. Natürlich ist dies eine Oppositionszeitung und es spielen Hoffnungen und Wunschvorstellungen eine Rolle. Doch eines ist klar: Den arabischen Diktatoren stehen aufreibende Zeiten ins Haus.

Quelle

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