«Tunesien kann es, Iran kann es nicht»


Basij-Schläger

Die iranische Opposition wittert Morgenluft. Viele empfinden Bewunderung dafür, was Ägypter und Tunesier erreicht haben – und Demut.

Die iranische Lesart der historischen Umwälzungen in der arabischen Welt ist vor allem eine innenpolitische. Der oberste Führer Ajatollah Chamenei lobt den Mut der Tunesier und Ägypter und verhöhnt damit implizit die iranische Opposition, deren Aufstand 2009 er brutal niederschlagen liess. Und die Opposition tut so, als solidarisiere sie sich mit ihren arabischen Brüdern und Schwestern, schiesst damit aber eigentlich gegen die eigene Regierung.

«Um den Volksbewegungen in der Region, speziell den freiheitlichen Bewegungen in Tunesien und Ägypten, unsere Unterstützung auszudrücken, bitten wir um Erlaubnis, das Volk zu einer Kundgebung einzuladen», heisst es in einem offenen Brief von Mir Hossein Mussawi und Mehdi Karrubi. Die beiden Oppositionsführer waren bei der umstrittenen Präsidentschaftswahl 2009 Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad unterlegen. Der Brief datiert vom vergangenen Samstag und ist an das iranische Innenministerium adressiert. Zahlreiche Websites der Opposition haben ihn veröffentlicht.

Heuchelei und Angst

Frühere Bemühungen der Opposition um eine Demonstrationsbewilligung wurden von den iranischen Behörden entweder abgeschmettert oder schlicht ignoriert. Das aktuelle Gesuch könnte sie allerdings in eine Zwickmühle bringen: Die iranische Führung hat in den vergangenen Tagen unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, dass sie einen Wechsel an der Spitze Ägyptens begrüsst. Wenn sie jetzt einer entsprechenden Demonstration die Bewilligung verwehrt, könnte das von der Opposition – und von anderen – als heuchlerisch empfunden werden. Die Taktik erinnert an frühere Versuche der Opposition, offizielle Demonstrationsdaten für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

«Das ist ein Test für die Islamische Republik», wurde Ardeschir Ardschomand, ein Berater Mussawis, am Montag von der oppositionellen Website Jaras zitiert. «Wenn die Behörden die Bewilligung nicht erteilen, ist das ein klares Zeichen dafür, dass sie sich vor den wahren Überzeugungen der Menschen fürchten. Sie haben Angst, dass die Teilnehmerzahl zur Solidaritätsbekundung für die beiden wird.» Mit den beiden sind natürlich Mussawi und Karrubi, die Anführer der Opposition, gemeint.

Iraner beneiden Araber

Weniger als eine Woche vor der geplanten Demonstration am 14. Februar hat der Aufruf auf Facebook knapp 17 000 positive Reaktionen generiert. Das heisst natürlich nicht, dass am kommenden Montag im Iran tatsächlich eine neue Protestwelle beginnt. «Das sind nur ein paar tausend Klicks», sagte ein ehemaliger, reformorientierter Journalist gegenüber der «New York Times» und fügte an: «Glauben die wirklich, die Leute gehen wieder und wieder auf die Strasse? Wozu?»

Wie viel Frustration sich im Iran seit den Massenprotesten 2009 angesammelt hat, zeigt sich nicht zuletzt an der Wahrnehmung der Ereignisse in Tunesien und Ägypten. «Alle fragen sich, wie es sein kann, dass diese Araber standhaft bleiben, während wir Angst bekamen und davonliefen», sagte ein junger Oppositioneller gegenüber der «New York Times». 2009 hatte er im Präsidentschaftswahlkampf als Übersetzer für ausländische Medien gearbeitet. «Wenn wir am 14. Februar etwas gewinnen wollen, müssen wir die Strassen füllen und die Nacht ausharren. Nach Hause zu gehen und von den Dächern wieder ‚Gott ist gross‘ zu schreien, bringt nichts.»

Die selbe defätistische Haltung bringt auch ein in oppositionellen Kreisen beliebter Slogan zum Ausdruck. «Tunes tunes, Iran natunes», hat auf persisch zwei Bedeutungen: «Tunesien kann es, Iran kann es nicht» und «Tunesien, Tunesien, Iran ist nicht Tunesien».

Kairo 2011 und Teheran 2009: Die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Ereignissen werden im Iran je nach politischer Couleur verschieden beurteilt.

Quelle

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