Ungelöste Probleme


Ali Samadi Ahadi

Im Juni 2009 fand im Iran die Präsidentschaftswahl statt. Im Land war Aufbruchsstimmung zu spüren, Grün war die Farbe des Wandels, des oppositionellen Kandidaten Mir Hossein Mussawi. Doch Mahmud Ahmadinedschad wurde im Amt bestätigt. Die anschließenden Demonstrationen der Bevölkerung wurden brutal niedergeschlagen. Ali Samadi Ahadi konstruierte aus Blog-Einträgen eine animierte Geschichte über die Ereignisse rund um die Wahl, die mit Interviews, Filmaufnahmen und Twitter-Meldungen ergänzt wird. European-Circle-Redakteurin Vici Graf traf den Regisseur und Drehbuch-Autor des Films “The Green Wave” zu einem Gespräch in Berlin.

European Circle: Sie waren während der Wahl 2009 nicht im Iran. Wie haben Sie die Entwicklung der Grünen Bewegung im Iran aus der Ferne miterlebt?

Samadi: Als es begann, war es eher eine Lähmung. Man verstand ja diese Gewalt nicht. Ich verstand nicht die Notwendigkeit für so eine Brutalität. Bis ich begriffen habe, was da passiert, das hat wirklich ein, zwei Monate gedauert. Und bis ich mich auch innerhalb dieser Ereignisse positioniert hatte. Mir ging es wie vielen anderen Menschen auf der Welt, wir haben auf die Bilder geguckt und gesagt: Was kann ich hier machen? Ich glaube, im August habe ich dann beschlossen, den Film zu machen. Ab dem Moment habe ich wirklich Tag und Nacht mit der Situation im Iran gelebt.

European Circle: Man kann die Demonstrationen 2009 als Fortsetzung der Revolution von 1979 sehen, als der Schah gestürzt wurde. Auch damals ging es um Ideale der Gerechtigkeit und Freiheit. Kann man eine Bewegung stoppen, die so tiefe Wurzeln hat?

Samadi: Die iranische Demokratiebewegung ist fast 200 Jahre alt. Der Wunsch ist nie abgeebbt, sondern er war immer da. Er ist stärker denn je zuvor da, weil die iranische Gesellschaft auf der einen Seite jünger geworden ist – wir haben eine der jüngsten Gesellschaften der Welt – und auf der anderen Seite zugleich auch einen Bildungsgrad erreicht hat, eine Öffnung erreicht hat an Einflüssen aus der ganzen Welt. Diese Gesellschaft kann so eine Struktur, wie sie im Moment herrscht im iranischen System, nicht akzeptieren. Diese starre Form, dieses Hierarchische, dieses Autokratische. Da muss sicherlich ein Wandel kommen.

European Circle: Das kann noch Jahre dauern. Solche gesellschaftlichen Bewegungen sind nie linear, es geht auf und ab. So auch jetzt durch die Niederschlagung der Demokratie-Bewegung.

Samadi: Angenommen, diese Bewegung hätte Erfolg gehabt, wäre die Frage gewesen: Wo ist die Alternative? Wo sind die Strukturen, auf deren Basis man ein demokratisches System aufbauen kann? Die müssen wachsen, die müssen eine Form bekommen, mit deren Hilfe man ein System aufbauen kann, das auf das Volk hört.
Das war ein Riesenproblem 1979, als der Schah gestürzt wurde. Man hat gesagt: Hauptsache, der Schah ist weg, was danach kommt, wird sicherlich besser sein. Das war nicht der Fall. Nicht, dass der Schah toll war – aber was danach kam, war weniger toll.

European Circle: Die Alternative zu Ahmadinedschad wäre bei den vergangenen Wahlen Mussawi gewesen. Würden Sie sich als Anhänger von Mussawi bezeichnen?

Samadi: Nein. Ich würde nicht sagen, ich bin pro oder gegen Mussawi oder ich bin pro oder gegen Ahmadinedschad. Was ich versucht habe in diesem Film ist zu sehen, was die Menschen wollen. Wo ist deren Verlangen und wo ist deren Haltung?
Was mich interessiert ist die Frage: Muss man auf Leute schießen, bloß weil die fragen: “Wo ist unser Stimmzettel geblieben?” Das hat nichts mit politischen Richtungen zu tun, das sind rein menschenrechtliche Fragen. Und der Iran hat die Menschenrechtscharta unterschrieben. Laut Verfassung haben die Menschen das Recht, ihre Meinung zu äußern und zu demonstrieren. Wenn das alles nicht stattfindet und das Volk fragt warum, dann möchte ich das thematisieren. Um diese Frage, die das Volk stellt, weiterzugeben.

European Circle: Wie sieht es mit der grünen Bewegung heute aus? In den Medien hört man fast nichts mehr davon.

Samadi: Der Grund, warum die Menschen auf die Straße und zu den Wahlurnen gegangen sind, waren mangelnde Freiheiten. Perspektivenlosigkeit für die jungen Menschen, Inflation, Arbeitslosigkeit, Unterdrückung der Frauen, Unterdrückung der Jugend, problematische internationale Beziehungen: all das waren die Gründe, warum sich die Menschen vor anderthalb Jahren so massiv eingesetzt haben.
Keines von diesen Problemen hat sich gelöst, die Situation hat sich verschlechtert. Die Inflation ist in die Höhe geschnellt, die Arbeitslosigkeit ist höher denn jemals zuvor, es sind mehr Journalisten in Gefängnissen im Iran als irgendwo anders auf der Welt. Das sind alles Gründe dafür, dass die Menschen auf die Straße gegangen sind. Wenn diese Probleme nicht gelöst sind, kann sich natürlich der Wunsch der Menschen nach Lösungen nicht aufgelöst haben. Mit Waffengewalt Ruhe in die Gesellschaft zu bringen kann nur von kurzer Dauer sein, langfristig wollen die Menschen Antworten haben.
Ich bin sicher, dass die Menschen mit der aktuellen Situation nicht glücklich sind.

European Circle: Ist Ihr Film als Weckruf an den Westen zu verstehen, dass diese Demokratiebewegung nicht tot ist, nur weil man nichts mehr in den Nachrichten hört?

Samadi: Natürlich ist das auch ein Signal an die internationale Welt, hinzuschauen und zu sehen, was die Auslöser waren und was die Gründe sind, warum es kein Ende für diese Bewegung geben kann. Auf der anderen Seite ist es auch von Bedeutung, gerade für unsere Politiker, die mit dem Iran verhandeln, zu sagen: Wieso diskutiert ihr über unsere Stabilität und unsere Sicherheit mit einem Regime, das sein eigenes Volk und dessen Meinung nicht achtet und hinrichtet, tötet, vergewaltigt, verschwinden lässt, ohne das Thema Menschenrechte zu thematisieren? Wieso sollte das iranische Regime unsere Sicherheit achten, wenn es die Sicherheit des eigenen Volkes nicht achtet? Das ist eine Schizophrenie in unserer Politik, die aufhören muss. Mit Diktaturen Kuhhandel einzugehen ist nicht gerade förderlich für unsere Stabilität und Sicherheit.

European Circle: War es für Sie schwer, Ihre Emotionen im Zaum zu halten, als Sie diesen Film gemacht haben?

Samadi: Ja klar, es ist ein total emotionales Wechselbad gewesen, als wir den Film gemacht haben. Auf der einen Seite muss man ganz ehrlich sagen, man kann keinen Abstand halten. Wenn ich den Film mache, dann bin ich natürlich zutiefst involviert. Und das will ich auch. An diese Objektivität, von der man immer spricht, glaube ich nicht. Ich habe eine Haltung, und ich versuche nicht, sie zu verheimlichen. Ich kann nicht objektiv sein, da müsste ich schizophren sein. Deshalb versuche ich erst gar nicht, mich rauszuhalten, sondern ich involviere mich. Und vertraue ein Stück weit meiner Professionalität, dass ich dabei den Faden nicht verliere. Es ist immer ein Risiko, wenn man sich so nah an seine eigenen Wurzeln begibt.

European Circle: Im Film kommen ein paar sehr brutale Szenen mit verletzten und sterbenden Demonstranten vor. Haben Sie gezögert, diese Bilder zu zeigen, oder war für Sie von Anfang an klar, dass diese Szenen zu Dokumentationszwecken in den Film müssen?

Samadi: Es ist immer eine Gratwanderung. Wie weit geht man in einem Film, wenn man die Realität anspricht. Ich habe darüber nachgedacht, aber nicht wahnsinnig lange. Mir war klar, dass diese Bilder da reingehören. Wir haben nicht mal die härtesten Bilder genommen, die wir hatten. Es gab hunderte von viel brutaleren Bildern als das, was wir darstellen.
Mir ist es wichtig, dass man in Relation setzt, was im Iran passiert ist. Dass wir die Bilder, die wir sonst zeigen, die Blogs, die Twitter-Nachrichten, die Interviews, in Relation zu den Ereignissen auf der Straße setzen. Und die Ereignisse auf der Straße waren brutal. Wenn man diese Relation nicht hat, kennt man die Tragweite dieser Texte nicht.

European Circle: Die Dokumentation ist eine Collage aus zahlreichen Facebook-, Twitter- und Blogeinträgen. Sie haben viele verstreute Stückchen eingesammelt und zusammengefügt. Was waren dabei die Schwierigkeiten? Sie haben etwas gänzlich Neues geschaffen, wie mussten Sie Ihre Arbeitsweise ändern?

Samadi: Die Arbeitsweise war, dass ich nicht in den Iran reisen konnte. Ich musste mit vorhandenem Material umgehen, das andere erstellt hatten. Das bedeutete unzählige Stunden recherchieren, sammeln, auswerten, kategorisieren und dann Entscheidungen fällen. Das ist natürlich anders, als wenn man die Möglichkeit hat, selber Geschichten und Bilder zu generieren.
Die nächste Frage war, welche Puzzle-Stücke habe ich, welche Puzzle-Stücke brauche ich. Und diese Lücken mussten irgendwie gefüllt werden. Ich habe relativ lange darüber nachgedacht, bis ich auf die Idee kam, sie mit Blog- und Twitter-Einträgen zu füllen, weil die waren zu der Zeit sehr massiv. Aber das sind nur Texte und die müssen visualisiert werden. Für mich war es wichtig, dass ich das Ganze abstrakt halte. Und dann war die Frage: Wie abstrakt? Mit welchen Mitteln? Wenn Animation, welche Animation? Es gibt hunderte Formen von Animation.
Ich habe auch wenig Zeit gehabt. Ich hatte zehn Monate für den gesamten Film und 42 Minuten Animation innerhalb von zehn Monaten, das ist eigentlich eine Mission Impossible. Es war eine absolute Herausforderung.
Und die Collage, das ist eine einzigartige Veranstaltung. Ich habe noch nie einen Film gesehen, der in der Form funktioniert. Dass man reale Bilder, Interviews, Animation, Töne, Texte, alles miteinander vermengt. Das war ein Stück weit auch ein Blindflug, weil man nicht weiß: Geht das auf oder geht das nicht auf? Es ist komplettes Neuland. Aber das bin ich gewohnt von meinen Arbeiten, ich betrete gerne Neuland.

European Circle: Was waren die größten Fallen, die Sie umgehen mussten? Hatten Sie Angst, in den Blogbeiträgen auf Unwahres zu stoßen?

Samadi: Ich habe Tausende von Seiten von Texten gelesen. Und wenn die aus unterschiedlichsten Quellen kommen und zusammenpassen wie ein Puzzle-Stück, wenn ich merke, dasselbe Ereignis wird von unterschiedlichen Menschen gleich beschrieben, dann kann es nicht falsch sein.
Wir haben eine Situation im Gefängnis von einem Blog rausgenommen und angefangen, das zu visualisieren und zu animieren. Im selben Gefängnis waren auch regimetreue Menschen gefoltert und vergewaltigt worden. Die haben sich beim geistigen Oberhaupt beschwert, woraufhin das Gefängnis geschlossen wurde und das iranische Fernsehen Bilder daraus gezeigt hat. Spannend war zu sehen, dass unsere Visualisierungen und diese Bilder sehr ähnlich waren. Das zeigt, dass die Blogbeiträge, die wir gesammelt hatten, sehr dem entsprachen, was da passiert war.

European Circle: Nach dem Dreh von “The Green Wave” können Sie für absehbare Zeit nicht mehr in den Iran reisen – was Ihnen auch vorher klar war. Dennoch war Ihnen das Thema so wichtig, dass Sie diese Konsequenz in Kauf genommen haben. Hoffen Sie, in Zukunft in den Iran zurückkehren zu können, falls sich die demokratisierende Bewegung durchsetzt?

Samadi: Das wäre sehr schön. Wenn tatsächlich die iranische Regierung wieder anfängt, auf ihr Volk zu hören, wenn das iranische Volk wieder das Sagen hat, gehe ich davon aus, dass ich die Möglichkeit haben werde, wieder in den Iran zu reisen.

Ali Samadi Ahadi wurde 1972 in Täbris im Iran geboren. Mit 12 Jahren kam er nach Deutschland, wo er später Visuelle Kommunikation mit Schwerpunkt Film und TV studierte. Er war als Regisseur, Cutter oder Kameramann an verschiedenen Dokumentationen und Reportagen beteiligt. Zu seinen Filmen zählen die Dokumentationen “Culture Clean” und “Lost Children” (ausgezeichnet u.a. mit dem Deutschen Filmpreis 2006) sowie die Culture-Clash-Komödie “Salami Aleikum”.

Quelle

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